Das ist ein Test
USA

Wiedersehen in Haines / Alaska

Stefanie Scheuer umgeben von Schlittenhunden auf ihrer Tour durch Alaska.

Yukon und Alaska – 13 Tage im Winter 2018

„Hallo Lu,
schade, dass wir uns nicht mehr getroffen haben. Du warst mir wirklich sehr sympathisch. Ich muss ja noch berichten…
Alles in allem: Ich bin sehr froh, dass ich die Reise, trotz widriger Umstände zu Beginn, angetreten habe. Sie war sehr abwechslungsreich, lehrreich und hat mir neue Denkanstöße gegeben, was immer gut ist. Im blumigen Schreiben bin ich heute Abend allerdings nicht so gut. Ich will es dennoch versuchen.

Tag 01

Mit Jetlag und schlecht ernährt wegen der noch immer nicht ausgeheilten Krankheit zu den Icecaves gewandert. Das war furchtbar anstrengend, aber grandios und ein Highlight gleich zu Beginn. Ich musste feststellen, dass eiskalte Luft geschwollene Nasenschleimhäute perfekt abschwillt. Und was ziemlich gut sein kann, wenn man völlig durchnässt, bei tiefen Temperaturen im Wind pausieren muss, um den Zucker aufzufüllen: Beheizbare Schuhsohlen an den Rücken! Außerdem scheint körperliche Verausgabung bei Sonnenschein ein vorzügliches Mittel gegen Jetlag zu sein. Legt man sich danach noch ein bisschen in den Hot Tub, schläft man fein und selig ein. Und übrigens hat Caspar vor ca. einem Monat ein Video veröffentlicht: War wohl zur Inspiration in Whitehorse.

Tag 02

Außer einem kleinen Spaziergang im frischen Schnee und ’ner Runde durch Whitehorse sowie einer großen Runde durchs Save on Foods, habe ich an diesem Tag auf die Ernährungslage geachtet. Am Abend gab’s eine formidable Osterente mit allem Drum und Dran und vier verschiedene Desserts…

Tag 03

Gut geschlafen, wohl ernährt ging’s an diesem Tag mit Langlaufskiern in die Winterlandschaft. Wir haben die erste Spur in den frischen Schnee gelegt. I like that. Eigentlich war es eher eine Skitour, weil wir von vier Stunden zweieinhalb nur bergauf gegangen sind. Und dann auch abgefahren. Was mit Langlaufskiern nicht immer toll zu kontrollieren ist…

Eislandschaft in Alaska.

Tag 04

Mit Marine 55 Kilometer Hundeschlitten gefahren. Das war wirklich ein guter Trip und ein guter Tipp von euch. Dumm nur, wenn man mit dem falschen Fuß auf der Hauptbremse in die Kurve fährt und den Fuß nicht mehr wechseln kann. Dann weiß man, dass man keine Chance gegen die Zentrifugalkraft hat…

Tag 05

Am Fishlake auf einer Wanderung wieder die erste Spur in den Schnee gelegt. Und ja, der Schnee hat so schön geknirscht. Genau wie du es in deinem Blog beschrieben hast. Langsam lerne ich auch, wie man sich bei den kalten Temperaturen bei schweißtreibenderen Unterfangen zu kleiden und nach und nach zu entkleiden hat.

Tag 06

Ruhetag. Nach Whitehorse gefahren, in den Secondhand für Outdoor- und Sports Gear. Find ich ’ne total gute Einrichtung. Ich habe auch ein paar witzige Sachen für Flori gefunden: Gestreiftes Tape, um den Hockeyschläger zu tapen. Eine aufblasbare Anglerweste. Der Verkäufer war völlig nett und hat mir noch den letzten Eishockey-Artikel, den er im Laden hatte, geschenkt: Ein T-Shirt mit ’nem lustigen Männchen drauf, dem ein Zahn fehlt. Ha ha.

Und dann habe ich dich getroffen und bin in den Hot Springs gelandet. Und ich habe Burger im Salatblatt kennengelernt. Find ich gut.

Und dann habe ich mich aufgemacht zur kleinen Runde nach Alaska…

Das Hostel in Haines Junction kann ich nur empfehlen. Sehr schön und im Winter recht leer. Da bin ich noch zum Kluane Lake gefahren. Total toll, wie sich das bläuliche Eis dort auftürmt. Und ich habe mich auf den Sheep Creek Trail begeben. Hinweistafeln: You are in Bear Country! Ja klar. Aber es ist ja Winter. Ich stapfe durch den Schnee, bis ich zu einer Gedenktafel komme, die einer jungen Wanderin, die da im letzten Jahrhundert vom Grizzly getötet wurde, gewidmet ist.

Eis im Kluane Lake See in Alaska.

Und da denke ich immer in Wahrscheinlichkeiten (übrigens: Ich mag Logik auch sehr!). Wie groß ist denn die Wahrscheinlichkeit, dass gerade mir der Bär begegnet. Obendrein müsste er noch angriffslustig sein. Und wenn in zwanzig oder mehr Jahren einer stirbt, dann geht doch die Wahrscheinlichkeit streng monoton gegen Null! Genau. Weiter geht’s.

Ich lege ja wieder die erste Spur in den frischen Schnee. Naja, die erste menschliche. Ansonsten ist allerhand unterwegs: Irgendwas Katzenartiges mit dicken, runden Pfoten, Hasen, Eichhörnchen und was weiß ich. Und eben diese frische, größere Spur mit Krallen dran. Was ‘n das? Hm, mir fällt nix Besseres ein, als eben ein Bär. Weiter geht´s durch die Woods. Und nun beginne ich nachzudenken. Vielleicht werden jetzt die Ersten wach und sind auch noch hungrig. Und ich Obertouri bin völlig allein, nix Pfefferspray, und ich habe auch vergessen, bei welchem Bär man sich wie verhalten soll. Außerdem ist nicht anzunehmen, dass unter der Woche noch irgendjemand hier rauf kommt, falls es doch einen Zwischenfall gäbe.

Eislandschaft in Alaska mit Bergen im Hintergrund.

In diesem Waldstück ist es nun echt nicht so prickelnd. Weiter geht´s, ich will die schöne Aussicht erreichen. Und wie ich über die Baumgrenze komme, entdecke ich da weitere, obschon ältere Spuren mit Krallen. Alles klar. Ich genieße die wunderschöne Aussicht, die sich jetzt bietet, in vollen Zügen und beschließe umzukehren. Der Hostelbesitzer meint dazu recht trocken: Ja, Grizzlys gibt´s dort.

Nach Alaska ging‘s über diesen Pass. Und da wäre ich auch fast gestorben. Aufgrund der atemberaubenden 360°-Rundsicht. Da musst du unbedingt hin. Und zwar im Winter, wenn Schnee liegt. Und die Sicht muss klar sein. Klar! Wirklich so stunning. Und wieder keine Menschen. Ich mag das.

Fluss in Alaska.

Hin und wieder muss ich allerdings schon mit ein paar Menschen sprechen. Also hab ich an der Grenze ein nettes Schwätzchen mit dem Zöllner gehalten, der mal in Deutschland gelebt hat. Dann gibt es da einen schönen Fluss runter nach Alaska. Ich habe an einer Stelle angehalten. Da war ein offenes Auto von einem Angler. Und ich bin weiter gefahren. Dann hab‘ ich mir gedacht, wenn man alleine unterwegs ist und nicht unbedingt ein Schweigeretreat machen will, ja, dann muss man auch mal Möglichkeiten nutzen, um ein bisschen zu plaudern. Gesagt, getan. Umgedreht, hallo gesagt, nett geplaudert. Und dann sagt er zu mir: „Heute Abend spielt ´ne Band, die sind echt gut, haben gestern schon gespielt, geben heute eine Zusatzveranstaltung“, und wenn ich heute Abend in Haines bin, dann müsste ich in die Pioneer Bar kommen. Jo, warum denn nicht, hab‘ ich gesagt.

In Haines hab‘ ich ein Zimmer im Haus von Leslie gebucht. Und wie ich da ankomme und auch mit ihr ein bisschen plaudere, sage ich, dass ich gehört habe, dass heute Abend eine Band spielt. Jo, meint sie, die wohnen auch hier. Sie kümmert sich um kulturelle Veranstaltungen in Haines … Das war echt spaßig. Die Rockstars (Foghornstringband) waren auch echt nette Leute. Haben gepennt bis abends, dann essen gegangen und in die Bar.

Was soll ich sagen, das war ein äußerst vergnüglicher Abend. Innerhalb kürzester Zeit habe ich die halbe Kneipe gekannt, eine Einladung zum Skifahren (man muss mit dem Helikopter hoch, mit dem Skibob oder mit Steigfellen, Lifte gibt´s nicht) und eine Einladung zur Brauereibesichtigung gehabt. Man hat versucht, mir das Tanzen zu Bluegrass beizubringen…

Und jetzt stell‘ dir vor, dieser Naturbursche hat mir völlig gut gefallen, und ich hab´s geschafft, nicht weiter zu üben, weil ich meinte, ich tauge nicht zum Tanzen. Man hat sich feste gedrückt, sich gefreut, dass man sich getroffen hat und sich verabschiedet. Dann sagt er mir noch, nächstes Mal würde das mit dem Tanzen besser klappen und ich sage: „Ha ha, ja, in einem Jahr“. Und dann sagt er mit seiner schönen, tiefen Stimme: „Yeah, next year same time.“ Und dann drehen wir uns um und gehen. Ich bin sowas von blöd. Ich hatte aber auch im Kopf, dass ich sowieso am nächsten Tag die Fähre nach Skagway nehmen müsste…

Landschaft in Alaska mit verschneiten Bergen im Hintergrund.

Leslie hat mir in die Bewertung geschrieben: Stefanie was a wonderful guest! She happily mixed right in with our other guests, is very respectful and fun. We only wished she stayed another day!…

Also ab auf die Fähre. Und da treffe ich den Ex-Mann von Leslie. Ach, er hätte gar nicht gewusst, dass ich heute auch die Fähre nehmen würde. Ich hab‘ ihm in der Bar versucht zu erklären, dass ich eigentlich nochmal diesen Pass fahren müsste, weil das so schön war. Das hat er wohl falsch verstanden. Jedenfalls geht er nach Skagway, um die nächsten Tage eine Zipline in die Revision und Reparatur zu nehmen. Und heute hat er noch nix vor. Wenn ich möchte, dann können wir noch ein bisschen zum Wandern am Fjord. Übrigens hat man da ein ganzes Haus für ihn, also wenn ich wollte, dann könnte ich gerne bleiben.

Und was soll ich sagen, das war total nett mit ihm. Wir hatten richtig gute Gespräche und interessant war auch der. Im Winter ist er normalerweise in Arizona, wo er her kommt. Aber diesen Winter hat er in Skagway und Fairbanks zu tun. Er ist Geologe und bietet Paddeltouren in der Arktis und sonst wo an. Tolle Bilder gesehen!! Und was soll ich sagen? Ich bin weiter gefahren. Ich Dussel. An den Seen hat es mir zu der Jahreszeit nicht so gefallen, und es hat mir bei dieser jungen Frau auch nicht gefallen: Trotz Blick von meinem Bett auf den Crag Lake und trotzdem alles picobello und schön war.

Und nun kommt der nächste Fehler. Warum bin ich eigentlich nicht schnurstracks zurück nach Skagway? Auf die Idee bin ich erst gekommen, als ich wieder in Haines Junction war. Manchmal springen meine Synapsen doch nicht richtig.

Was hat man gelernt:

  1. Alleine Reisen macht Spaß und geht viel besser als man glaubt.
  2. Für Gespräche und Kontakte kann man sorgen, wenn man das will.
  3. Angebote von netten Locals sollte man annehmen, auch wenn es die Reisepläne durcheinander bringt. Gibt gewiss allerhand zu erleben, was dem normalen Touri verschlossen bleibt.
  4. Die Jungs da in Haines zeigen, wie es geht: In sich hineinhören und machen, was man für richtig hält. Gab da diverse Gespräche, die darauf hinausliefen…
  5. Die Menschen sind viel mehr draußen aktiv, und es tut ihnen gut. Und sei es beim Feuerholz schlagen.
  6. …und noch viel mehr.

Schätze, nächstes Jahr reise ich nach Haines…

Liebe Lu, ich wünsche dir und T. weiterhin eine ganz gute gemeinsame Zeit. Es war schön euch getroffen zu haben.

Sabine“

Tags : Alaska
Sabine Scherer
Hallo, mein Name ist Sabine und im Winter 2018 begab ich mich alleine und nur mit meinem Tatonka Rucksack bepackt kurzentschlossen zum Yukon nach Alaska. In einem Brief an meine Reisebekanntschaft Lu, berichte ich von meinem Abenteuer und den vielen wundervollen Menschen, die ich während meines Trips kennenlernen durfte. Ich würde mich freuen, wenn du mich ein wenig begleitest.