Auch wenn der Chilkoot Trail nur gut 50 Kilometer lang ist, zählt er zu den legendärsten Hiking-Destinationen weltweit. Den alten Handelspfad der Küstenindianer nutzten während des Goldrauschs Ende des 19. Jahrhunderts Zehntausende Glücksucher, um aus Alaska nach Kanada zum Yukon zu kommen. Von seinem Reiz hat der Chilkoot nichts eingebüßt. Ich habe ihn als Startetappe für meine Kanureise zum Beringmeer gewählt und die Ausrüstung natürlich passend in einem Yukon-Rucksack von Tatonka verstaut.

Mann, war ich fertig. Mehr stolpernd als wandernd schleppte ich mich die letzten Meter ins Camp, das ich erst in der Dämmerung erreichte. Zum Schluss musste ich unter der schweren Last auf meinen Schultern bei jedem Schritt vor Schmerz laut gestöhnt haben. Was für ein jämmerlicher Anblick, als Lastenträger wäre ich zur Zeit des Goldrauschs kläglich gescheitert und ausgemustert worden. Kraftlos ließ ich mich auf die Holzplattform fallen, auf der später mein Zelt stehen sollte.

Dirk baut sein Tatonka Zelt auf dem Chilkoot Trail auf.

Fast sieben Stunden hatte ich für die ersten knapp zwanzig Kilometer auf dem Trail gebraucht. Kurz vor Mitternacht stand mein Zelt auf der Plattform, und ich kroch erschöpft in meinen Schlafsack. Eigentlich wollte ich in vier Stunden schon wieder auf dem Trail sein, damit ich den Pass überqueren konnte, bevor der Schnee zu sulzig und die Lawinengefahr zu groß würden. Aber mir war beim Einschlafen klar, dass das in meiner momentanen Verfassung utopisch wäre.

Keine Angst vor Bären am Chilkoot Trail?!

Nach einer unruhigen Nacht schlurfte ich gegen sechs Uhr mitgenommen rüber zum Küchenzelt. Die amerikanische und kanadische Nationalparkverwaltung hat entlang des Chilkoot Trails eine beachtliche Infrastruktur für die Wanderer geschaffen und insgesamt neun Campingplätze angelegt.

Wegmarkierung aus Holz mit Schrift Chilkoot Trail.

Viele dieser Plätze entsprechen den Orten der ursprünglichen Zeltstädte, die den Goldsuchern auf ihrem beschwerlichen Weg Mahlzeiten oder auch eine sehr rustikale Übernachtungsmöglichkeit boten. Heute stehen dort Küchenzelte mit Holzofen, Bärencontainer, Zeltplattformen und Plumpsklos.

Nach dem Morgenkaffee erwachten langsam wieder die Kräfte in mir. Ich begann gemächlich mit dem Verpacken der Ausrüstung, als Ranger Katie mich begrüßte. Katie war in einer kleinen Hütte unterhalb des Camps stationiert.

Chilkoot Trail-Rangerin Katie freut sich sichtlich über Dirks Besuch.

Sie erzählte von einem neugierigen Schwarzbären, der über Nacht Tatzenspuren auf der Küchenzeltwand hinterlassen hatte. Ich musste also doch tief geschlafen haben, konnte mich an keine Zwischenfälle erinnern, obwohl mein Zelt in Sichtweite keine zwanzig Meter entfernt stand.

Bären sind auf dem Chilkoot Trail nichts ungewöhnliches.

Wir verabredeten uns für den Mittag unterhalb des Passes. Als Ranger kontrollierte sie die Strecke fast jeden Tag, vor allem wegen der Schneefelder, die in der Sommersonne schmolzen und brüchig wurden.

The Scales – das erste Plateau

Bald hatte ich die Baumgrenze hinter mir gelassen und kam trotz unwegsamem Gelände besser voran, als es mein Zustand gestern Abend erhoffen ließ. Je mehr die Landschaft sich öffnete und den Blick freigab auf die umliegenden Berggipfel, desto mehr hatte ich das Gefühl durchatmen zu können.

Nach dem anstrengenden Aufstieg genießt Dirk den Ausblick.

Dicke Wolkenfetzen wurden vom Wind unablässig gegen die Gebirgsfronten gepeitscht, aber es blieb trocken. Kurz darauf marschierte ich über den ersten Abschnitt Altschnee, der bald als geschlossenes Band bis zur Passhöhe zu führen schien. Verblichene Markierunsstangen wiesen den Weg über das Schneefeld, das sich zunehmend zwischen zwei Felsgrate zwängte und schließlich in einem Plateau endete – The Scales.

Dirk marschiert auf dem Chilkoot Trail über ein Band aus Schnee.

Früher wurden die Lasten hier noch einmal gewogen, und der Preis für die Träger neu verhandelt. Erst dann hätten sie sich in die Schlange der Männer eingereiht, die sich wie Ameisen den letzten Abschnitt bis zum Pass hochquälten.

Die Golden Stairs – Kraxeln bis zur Passhöhe

Golden Stairs, die goldenen Treppenstufen, wurden ins Eis geschlagen, um den Aufstieg überhaupt erst möglich zu machen. Natürlich waren die nicht golden, sollten aber bei jedem Schritt vor Augen führen, warum die Plackerei lohnte. Besser Situierte ließen ihre Ausrüstung mit einem Lastenaufzug zum Pass ziehen. Viele aber konnten sich nicht mal Träger leisten und gaben frustriert und entmutigt auf. Die rostenden Relikte zurückgelassener Herdplatten, Konservendosen und Pfannen am Wegesrand bezeugten noch heute die menschlichen Dramen, die sich hier abgespielt haben mussten.

Rostenden Relikte, wie diese Herdplatten, zeugen noch heute von den menschlichen Dramen am Chilkoot Trail.

Ich setzte meinen Rucksack ab und blickte zum letzten Anstieg. Die Stairs lagen schneefrei vor mir. Das würde eine ziemliche Kraxelei über diesen 35 Grad steilen Geröllberg. Katie hatte inzwischen zu mir aufgeschlossen. Während wir Nüsse aus einer Tüte Trailmix naschten, schwärmte sie von ihrem Job. Den ganzen Tag draußen in dieser großartigen Natur, und dafür auch noch Geld kriegen.

Sie begleitete mich noch bis zum Fuß der Stairs, dann setzte ich die ersten noch vorsichtigen Schritte auf die losen Felsbrocken. Einige gaben beängstigend nach, und so hangelte ich mich auf allen Vieren über den wackligen Untergrund langsam nach oben. Zwischendurch stoppte ich kurz, ließ den Blick schweifen und sammelte neue Kräfte.

Ein Schluck Wasser aus der Flasche. Dirk sammelt neue Kräfe.

Je höher ich kam, umso mehr stieg meine Zuversicht, diese schwindel-erregende Angelegenheit bald geschafft zu haben, und ich begann die Kletterei zu genießen. Zwischen den Felsbrocken neben mir lagen ver-rostete Kabel und Holzreste, Überbleibsel des Lastenaufzugs. In kurzen Serpentinen stapfte ich konzentriert weiter und erreichte ein weiteres Schneefeld. Erwartungsvoll schaute ich nach vorne, wo sich der Scheitelpunkt immer deutlicher abzeichnete und den atemberaubenden Blick auf ein Hochplateau mit noch tief vereisten Seen freigab. Ich stand auf dem Chilkoot Pass.

Eisige Pause

Hier oben fegte der Wind mit Orkanstärke über die Schneefelder, und ich beeilte mich, die kleine Schutzhütte in unmittelbarer Nähe zu erreichen. Die kanadische Fahne davor flatterte wild am Mast und markierte gleichzeitig den Grenzübertritt. Sieben Grad zeigte das Thermometer neben der Eingangstür, im Sturm fühlte es sich deutlich frostiger an. Sein Heulen war selbst in der Hütte unüberhörbar.

Mittagspause mit Vanillenachtisch für Dirk in einer Schutzhütte am Chilkoot Trail.

Ich setzte den Rucksack auf die kleine Bank und atmete erleichtert auf. Von 0 auf 1.000 Meter in 24 Stunden. Kein Geschwindigkeitsrekord, aber trotzdem ein Moment, den ich mit einer ausgedehnten Mittagspause und Vanillepudding zum Nachtisch feiern wollte. Schließlich ging’s von hier aus immer nur bergab, bis zur Beringsee, dann wieder auf Meereshöhe.

Der lange Marsch bergab

Hier auf kanadischer Seite rissen die Wolken jetzt auf. In der Sonne genoss ich den Weitermarsch, allerdings machte sich zunehmend mein Knie bemerkbar. Der steile Aufstieg und die schwere Last hatten es massiv anschwellen lassen. Neun Stunden waren seit meinem Aufbruch heute Früh vergangen, als ich die letzten Meter ins Happy Camp humpelte. Nomen est Omen, damals für die Goldsucher und jetzt für mich.

Am nächsten Morgen begutachtete ich die handballgroße Beule, hinter der sich mein rechtes Knie verbarg. Die Ruhe der Nacht hatte nicht die erhoffte Besserung gebracht. Trotzdem wollte ich die zwanzig Kilometer bis Bennett heute schaffen. Der Morgennebel verzog sich bald, und so humpelte ich dem Wasserlauf folgend durch die sonnige Gebirgslandschaft. Inzwischen dominierten wieder Kiefern am Wegesrand und verströmten ihr wohlriechendes Aroma. Nach Regenwald und alpinem Gelände in Alaska hatte ich nun mit dem subarktischen, borealen Nadelwald die dritte Vegetationszone auf dem Trail erreicht.

Kurz vor Lake Lindeman passierte ich das magere Metall-Gerippe eines zurückgelassenen Bootes. Manche Goldsucher wagten tatsächlich schon hier, bei der erstbesten Pfütze, die Weiterreise auf dem Wasser, obwohl noch eine gefährliche Wildwasserschlucht vor der Einfahrt in den Lake Bennett zu bezwingen war. Der Pfad führte jetzt rasant ins Tal, aber erst am Abend erreichte ich das Ufer des Sees, von dem aus ich am Morgen mit dem Kanu weiter wollte. Das würde die Eisenbahn über den White Pass zusammen mit dem Rest der Ausrüstung zu mir bringen. Dann lagen 3.000 Kilometer Fluss vor mir, bis zum Beringmeer.

 

Weitere Impressionen vom Chilkoot Trail: