Great Rift Valley

Seit Jahrmillionen arbeiten geologische Naturgewalten unermüdlich daran, Afrika in zwei Teile aufzubrechen. Das Auseinanderdriften der tektonischen Platten im Innern der Erde hat einen tiefen Riss durch Ostafrika gezogen, der sich nord-südlich vom Roten Meer bis nach Mosambik erstreckt: das Great Rift Valley.

Entlang dieses Risses hat sich die Erdkruste extrem verdünnt und die Natur auf der darüberliegenden Landschaft ausgetobt: ein geologisches Schlaraffenland für Naturliebhaber und Abenteurer. Tiefe Risse von fast 1500 Metern haben sich mit Wasser gefüllt und bilden mit Lake Victoria und Lake Tanganyika die größten Seen Afrikas.

An anderer Stelle ist das Magma durch die ausgedünnte Erdkruste bis zur Oberfläche gedrungen und hat sich zu enormen Vulkanen aufgetürmt. Die berühmten Riesen Kilimanjaro, Mount Meru und auch Mount Kenya sowie der enorme, wenn auch kollabierte Ngorongoro-Krater.

Das Monster: Oldonyo Lengai

Bei meinem ersten Flug von Arusha Richtung Serengeti schaue ich verdutzt auf ihn hinab. Mein Chef nannte mir seinen Namen – das Glühen in meinen Augen sehend – fügte er hinzu: “Es ist ein Monster, der Anstieg ist entsetzlich”.

Blick aus dem Flugzeug auf den "Berg Gottes" - den Oldonyo Lengai. Ein aktiver Vulkan in Tansania.

Oldonyo Lengai ist Maasai und bedeutet „Berg Gottes“. Einer der letzten noch aktiven Vulkane hier in Ostafrika gebietet Ehrfurcht: 3188 Meter über dem Meer und 1700 Meter ragt Oldonyo Lengai imposant aus dem Nichts. 2019 spuckte er noch fleißig Lava und Rauch in die Umgebung. Jetzt kann man ihn wieder besteigen, obwohl sich das kaum jemand antut.

Nach einem Jahr des Träumens ergibt sich die Chance zum Aufstieg: Heute Nacht wollen zwei Freunde rüberfahren – bist du dabei? Ja! Jetzt oder nie. Innerhalb von 20 Minuten verstaue ich die komplette Ausrüstung in meinem Rucksack: Schlafsack, abgepackte Protein-Snacks, Thermokleidung, Badehose und meine 400-mm-Kamera. Alles in zwei Griffen erreichbar. Ebenfalls im Gepäck meine Badelatschen und meine schweren Wanderstiefel. Für den Aufstieg geht zudem noch ein “kleiner” 30-Liter Rucksack mit auf die Reise. So muss ich nicht alle meine Mitbringsel den Berg hochschleppen… sondern kann sie sicher im Van verstauen.

Tatonka Yukon Trekkingrucksack.

Der Tourguide kann leider vorab keinerlei Ausweis vorzeigen, entpuppt sich aber beim Treffen als ein sympathischer Halb-Maasai von 25 Jahren. Er taucht mit einem Van in Arusha auf und fährt uns nach Abholung zuerst zum Mechaniker, da die Bremsen des Autos nicht voll funktionieren. Wir fahren letztendlich mit fünf Stunden Verspätung ab und beginnen unseren Aufstieg statt um 11 Uhr nachts nun um 3 Uhr früh, aber was soll’s … holen wir schon auf!
Im äquatorialen Nachthimmel über uns funkeln so viele Sterne, dass sich die mir gut vertrauten Konstellationen kaum erkennen lassen.

Frederic mit Stirnlampe beim Aufstieg auf den Oldonyo Lengai.
Gehetzt laufen wir über Geröll durch den Staub und sehen vor uns nur Berg – unklar, wo der echte Aufstieg überhaupt beginnt.

Steil, steiler, Lengai

Im Lichte unserer Stirnlampen machen wir gutes Tempo, nach einer Stunde gibt es ein Quäntchen Wasser, und bald geht es dann auch bergauf. Die Partien werden immer steiler, wir kraxeln durch das Geröll schwarzen basaltischen Vulkangesteins und versuchen, uns gediegen auf zwei Beinen zu halten. Dies entpuppt sich jedoch bald als illusorisch: Der Anstiegswinkel springt auf gefühlte 50°.

Beim Aufstieg zum Oldonyo Lengai.
Wir bewegen uns extrem nach vorne gelehnt, bald auf die Maasai-Wanderstöcke gestützt und zuletzt auf allen Vieren den Berg hinauf.

Immer weiter. Da wir den Krater am Gipfel zum Sonnenaufgang erreichen wollen, wird es ein Wettlauf mit der Zeit. Plus 1.700 Höhenmeter in nur vier Stunden! In Tatendrang presche ich vor, lasse irgendwann sogar den Tourguide hinter mir, um rechtzeitig den Sonnenaufgang zu erblicken.

Frederic mit Guides während des Aufstiegs.
Die ersten Lichtstrahlen des Morgens zeigen sich ab 5.30 Uhr – aber der verflixte Gipfel kommt einfach nicht näher…
Blick während des Aufstiegs auf den Oldonyo Lengai.
Erst im Rückblick wird uns klar, was für einen diabolischen Anstieg wir bereits hinter uns haben.
Steile Klippen und giftige Dämpfe.
Ich umschiffe steile Klippen und giftige Dämpfe, die nach Schwefel riechen.
Frederic am Gipfel des Oldonyo Lengai.
Irgendwann bin ich oben.

Ich blicke mitten in den offenen Krater und sehe eine geschmolzene, blubbernde, schwarze Flüssigkeit: Eine kochende Suppe von flüssigem Basalt. Am anderen Ende des Kraterrands lächelt mir die Sonne entgegen.

Am Krater des Oldonyo Lengai.

In euphorischer Erschöpfung setze ich mich an den Rand und starre wie besessen im Kreise entlang des 360°-Grad-Panoramas. Hinter mir der unfassbar steile Anstieg, vor mir geschmolzener Stein, links der schimmernde Lake Natron, dahinter am Horizont die Berge Mount Meru und Kilimanjaro. Rechts frisst ein einsamer Eland Gras, als auch meine Mitstreiter ankommen. Geschafft!

Frederic am Kraterrand. Im Hintergrund der Kilimanjaro.
Während ich am Kraterrand entlang laufe, türmt sich stolz der Kilimanjaro im Hintergrund.

Garantiert ist dieser tolle Ausblick keineswegs. Nach zwanzig Minuten kommen Wind und Wolken und der Spaß ist vorbei. So manchem Bergsteiger ist gar kein Blick vergönnt. Wir hatten Glück und machen uns auf den Rückweg. Die Temperaturen in dieser wüstenartigen Gegend schlagen sprunghaft von Winter auf Hochsommer um, so dass ich alle zehn Minuten eine Kleidungsschicht abpelle, bis ich irgendwann oben ohne den Berg hinabsteige.

Zwei Stunden später macht sich die Erschöpfung in den Knien bermerkbar. Carl fällt ein paar Mal hin, einmal rutscht er weg und rollt dabei vor meinen Augen in einen Schacht – was für ein Glück, dass dieser nur einen Meter tief ist.

Frederic vor dem Oldonyo Lengai in Tansania.
“Nakushukuru, Lengai” – ich danke dir!

Lake Natron

Am Abend geht es nun endlich zum anliegenden Lake Natron. Ein See ja – aber keiner, in dem man baden möchte: Der niedrige Wasserspiegel und die hohe Konzentration vulkanischer Partikel erzeugen eine alkalische Flüssigkeit, die das meiste Leben beendet. Einmal verhärtet, ist der zugrundeliegende, salzige Schlamm kaum mehr zu lösen. So finden sich „versteinerte“ Tiere, deren Flügel und Körper sich bis zum Tode verkrustet haben. Und doch gibt es hier Leben!

Frederic mit Fotokamera am Lake Natron in Tansania.
… so nah wie möglich am Rande des versteinernden Soda-Schlamms.
Frederic am Lake Natron.
Stolz wie ein Spanier stehe ich vor Lake Natron…
Flamingos im Wasser des Lake Natron.
Abertausende von Flamingos finden sich hier jedes Jahr zum Paaren und Brüten.

Flamingoland

Das Natronwasser bildet die Lebensgrundlage für sogenannte Blaualgen. Diese leben in just diesen absurd hohen PH-Werten und geben dem See zum Teil ein rötliches Schimmern. Die bakterienartigen Mikroorganismen sind die einzige Nahrungsquelle für den Lesser-Flamingo. Um die Algen aufzunehmen, stecken die Flamingos den Kopf verkehrt herum ins Wasser und pumpen dann blitzschnell durch ihren Schnabel ein und aus. Beim Auspumpen sieben sie über Lamellen die mikroskopisch kleinen Algen aus dem Wasser – je mehr sie davon fressen, desto pinker werden sie. So gut genährt werden sie auch attraktiver für mögliche Partner.

Die Flamingos stecken ihren Kopf ins Wasser.
Die Flamingos stecken ihren Kopf ins Wasser und pumpen die Algen heraus.

Die Partnersuche ist das Spiel des Tages: Tausende Flamingos bewegen sich scheinbar auf einem Laufband von rechts nach links, wenden dabei den Kopf und lächeln wie Models auf dem Laufsteg. Sind sie erfolgreich, werden sie einige Monate später kleine Hügel in den See bauen und dort ihre Eier bebrüten, bis ihre Küken schlüpfen. Das aggressive Sodawasser bietet Schutz vor fast allen Raubtieren und viel Nahrung. Lake Natron ist ihr Geburtsort, der Ursprung aller Lesser-Flamingos. Alle Neugeborenen werden eines Tages zurückkehren, um hier zu brüten.

Lesser-Flamingos am Lake Natron.
Alle Lesser-Flamingos sind hier geboren, an diesem einen See, und werden eines Tages zurückkehren, um hier zu brüten.

Erfrischung

Nach den Eskapaden und der Hitze sind wir völlig am Ende und bedauern sehr, dass man im Lake Natron wohl nur als Flamingo unbeschadet baden kann. Doch unser Guide hat noch ein Ass im Ärmel: In all dieser Dürre erwartet uns zum Abschluss noch ein nasses Abenteuer! Ein Fluss mit klarem, frischem Süßwasser!

Stein aus dem Fluss.
Inmitten dieser personifizierten Dürre liegt ein Fluss.

Wir folgen ihm aufwärts und gelangen bald zu einem traumhaften Wasserfall, gegen dessen Strömung wir anschwimmen.

Frederic am traumhaften Wasserfall.
Eine willkommene Erfrischung…

Dann begeben wir uns im Tageslicht auf die Rückfahrt nach Arusha. Die heftig korrodierte Straße schüttelt den Van wie eine Waschmaschine, und letztlich löst sich die Windschutzscheibe aus der Fassung. Zwanzig Minuten lang halten der Fahrer und ich die Scheibe in Position, während sie immer wieder nach rechts driftet. Flucht nach vorn: Lass uns die Scheibe doch einfach rausnehmen und auf die Rückbank legen.

Die Maasai-Kinder auf dem Weg, ohnehin beim Anblick von Europäern verdutzt, starren mich mit offenen Mündern an, als ich den Arm durch die nicht vorhandene Frontscheibe stecke und ihnen freundlich zuwinke.